Gedanken zum Gedenken in unserer Stadt

Veröffentlicht am 22.04.2020 in Ortsverein

von Inka Gossmann-Reetz

 

Die geplanten Feierlichkeiten zum 22.04. fallen heute aus. Das Gedenken an den Tag, als polnische und sowjetische Soldaten in Hohen Neuendorf einmarschierten, den Krieg beendeten und Hohen Neuendorf von den Nazis befreiten. Seit vielen Jahren wird am sowjetischen und polnischen Ehrenmal der Opfer an diesen Tag der Befreiung gedacht, an die Opfer, die für den Sieg über die braunen Barbaren starben.

Dieses Jahr fällt das gemeinsame öffentliche Gedenken aus. Corona. Zeit und Gelegenheit, um über diesen Tag, über das Geschehen damals, über das, was wir bisher darüber wissen, und welche Schlüsse wir daraus ziehen sollten, nachzudenken.

 

I.

Deutsche Geschichte ist schwer. Und die in diesen 12 Jahren des letzten Jahrhunderts erst recht. Es gibt nur sehr wenige Begriffe, mit denen man das Erinnern an diese Zeit und ihr Ende 1945 fassen kann. Vielleicht sind es diese zwei Worte, die treffend und richtig sind: beispiellos und widersprüchlich.

Beispiellos böse und abscheulich war das, was die braune Horde in Deutschland und Europa in 12 Jahren angerichtet hat, war ihr Versuch, die Gemeinschaft jüdischen Glaubens und alle, die irgendwie als Gegner bestimmt wurden, auszurotten, in Auschwitz und vielen anderen Stätten des Grauens zu vernichten.

Deswegen ist der Untergang der Herrschaft der braunen Horde ein Ereignis, das gefeiert werden kann. Überall in Deutschland und Europa. Und natürlich auch in Hohen Neuendorf.

 

II.

Aber dieser Tag, dieser 22. April in Hohen Neuendorf, wurde auch anders erlebt, nicht als Befreiung, sondern als Beginn neuen Unrechts, neuer Unterdrückung und Qualen. Hohen Neuendorf war befreit und besetzt. Doch die Besatzer haben Gewalt ausgeübt, Frauen vergewaltigt, viele Unschuldige deportiert. Kurz: Unrecht wurde beendet und neues Unrecht wurde geschaffen.

Nicht jeder und jede war Opfer, viele haben auch von neuen Verhältnissen profitiert, während andere gelitten haben. Und nicht wenige haben mit dem Leben bezahlt.

Diese Zeit nur als eine Stunde Null zu sehen, als das Ende von Schrecklichem und den Aufbruch in die neue, gute Zeit, ist auch deshalb schwierig, weil es den Tätern die Chance bietet, sich zu entlasten, den Tag der Befreiung zu nutzen, um von ihren eigenen Untaten abzulenken.

Und dann gibt es die Bedenken der Nationalkonservativen, die genau registrierten, dass die Alliierten ihren Sieg feierten, den sie selbst als Niederlage erlebten. Wer versucht alle diese Gefühle unter einen Begriff zu fassen, kann das nur mit dem Artikel ‚widersprüchlich‘ tun.

 

III.

Gedenken macht nur Sinn, wenn sich viele, möglichst alle Bürger darin wiederfinden. Und wenn dieses Gedenken auch in die Zukunft weist.

Deshalb ist das Gedenken am polnischen und sowjetischen Ehrenmal richtig. Aber es ist zu wenig, weil es zu eng ist, weil die Perspektive, die Rückschau auf das, was war, zu begrenzt und zu einseitig ist.

Nicht wenige in unserer Stadt lehnen diesen Gedenktag ab, weil sie oder ihre Eltern und Großeltern das, was war, anders erlebt haben. Dieser Tag hat denn auch die Bürger unserer Stadt weniger zusammengeführt, sondern mehr den tiefen Riss in der Bevölkerung deutlich gemacht.

 

IV.

Richard von Weizsäcker ist es 1985 mit seiner Rede zum 8. Mai 1945 gelungen, viele Deutsche zu einem Wechsel ihrer Perspektive zu bewegen. Der 8. Mai der Tag des Endes der Herrschaft der braunen Barbaren.

Dieser 8. Mai ist seit dem letzten Jahr auch der Gedenktag in Brandenburg. Aus gutem Grund. An diesem Tag können wir aller Opfer gedenken, der Opfer der braunen Tyrannen, der gefallenen Soldaten, der Opfer der sowjetischen Besatzer. Dieser Tag schließt keine Opfer aus. Mehr noch: Er weist in die Zukunft, mahnt, dass vom deutschen Boden kein Krieg mehr ausgehen darf, dass nach diesem Tag die Zeit des langen Prozesses der Versöhnung zwischen den Völkern begonnen hat.

 

V.

Ich schlage vor, dass der 8. Mai auch ein Gedenktag für Hohen Neuendorf wird. Und dass wir an einem weiteren Ort des Endes dieses Krieges und des Aufbruchs in eine neue Zeit gedenken.

Der neue Ort ist der Platz vor dem Rathaus. Die Stadtverordnetenversammlung kann beschließen, dass dieser Ort künftig ‚Platz des Friedens‘ heißt. Platz des Friedens das war früher der Osramplatz. Der auch heute wieder so heißt. Die Mütter und Väter dieses Beschlusses haben damals entschieden, dass ein anderer Platz in unserer Stadt Friedensplatz heißen soll.

Diese Chance ist nun da. Wir sollten sie nutzen. Dem Platz vor dem Rathaus den Namen Frieden geben. Und wir sollten darüber hinaus nach einer Form für eine Gedenkveranstaltung suchen, die alle Bürger unserer Stadt mitnehmen kann und in die Zukunft weist, in die Zeit der Völkerverständigung, die im Frieden mündet.

 
 

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